Die Lage ist besser als die Stimmung

Vertraute man der Stimmung, dürfte es den kleinen Einzelhändler in der Bergwinkelstadt schon gar nicht mehr geben. „Man hat das Gefühl, die Schlüchterner verspürten die Lust am Untergang“, klagt eine Einzelhändlerin, als mal wieder wild darüber spekuliert wird, welches Geschäft als nächstes dicht macht.

Von unserem Redaktionsmitglied ALEXANDER GIES

Die nackten Zahlen zum Leerstand lassen zwei Schlüsse zu: Ja, es gibt verwaiste Geschäfte, aber weniger als gefühlt – im Moment sinkt ihre Zahl sogar. So stehen neun Leerstände etwa 120 Betrieben des Ladeneinzelhandels und des Lebensmittelhandwerks gegenüber. Das bedeutet rein rechnerisch eine Leerstandsquote von unter zehn Prozent. Nicht allzu schlecht. Aber: Leerstände, die sich mal festgesetzt haben, lassen sich nicht mehr so leicht beseitigen. Es sind immer die selben Adressen, die seit Jahren in der städtischen Erhebung auftauchen – und langsam zum städtebaulichen Ärgernis werden.

Vielerorts herrscht die Meinung vor: „Schlüchtern schafft sich ab.“ So äußerte sich ein KN-Leser, nachdem das Projekt eines Lebensmittelmarktes auf dem Langer-Lins-Areal gestorben war. Ein anderer sprach von „Sterbehilfe für die Schlüchterner Innenstadt“. Kurz: Das Signal, das mit diesem Scheitern nach außen gesendet wurde, war fatal: Die „Planemächer“ machen schöne Pläne, aber sie kriegen nichts auf die Reihe.

Ist deshalb alles schlecht? Nein. 1988 betrug die Kaufkraftbindungsquote der Stadt 143,8, im vergangenen Jahr 201 Prozent. Werte über 100 zeigen, wie viel Kaufkraft aus dem Umland in eine Kommune fließt. Schlüchtern war also schon immer Anziehungspunkt und ist es noch mehr. Im selben Zeitraum wuchs die Einwohnerzahl: Von 14.437 auf 16.680. Mehr Einwohner = mehr Umsatz. Die Kaufkraft stieg ebenfalls: von 3943 im Jahr 1988 auf 5264 Euro im Jahr 2009 pro Kopf der Bevölkerung. Im jüngsten Deutschland-Check des Magazins Focus rangiert der Main-Kinzig- Kreis in der Kategorie „Wohlstand“ auf Rang 142 von 402.

Das muss nicht unbedingt auch für Schlüchtern gelten, denn hier liegt die Kaufkraft mit 97,9 Punkten unter dem Bundesdurchschnitt von 100. Das GMA-Einzelhandelsgutachten von 2010, das im Moment fortgeschrieben wird, weist auf ein deutliches Problem für den Standort Innenstadt hin: Das Gewerbegebiet Gartenstraße/Am Reitstück. Zwar kaufen die Schlüchterner überwiegend vor Ort ein, aber zunehmend bei den Discountern außerhalb der City. Als Gründe dafür wurden die größere Auswahl und die besseren Parkmöglichkeiten angeführt; Faktoren, die in beengten Innenstadtlagen nicht leicht beeinflusst werden können.

Dafür punktet der Kernbereich mit „weichen Faktoren“: der persönliche Kontakt im Geschäft, der gute Service, die schöne Einkaufsatmosphäre und nicht zuletzt die Wahrscheinlichkeit, beim Bummeln auf Freunde und Bekannte zu treffen. Dennoch scheint es Defizite beim Sortiment zu geben, wenn zwischen 15 und 25 Prozent der Schlüchterner ihren Bedarf an Bekleidung, Schuhen sowie Sport- und Freizeitartikel lieber in Fulda als daheim decken, bei Möbeln sind es sogar 34 Prozent.

Wie vielerorts zeigt sich in Schlüchtern der Trend zum Rand: Zwar lassen sich im Zen- trum bald drei Mal so viele Betriebe finden (74 zu 24), aber in punkto Verkaufsfläche (46 zu 42 Prozent) und dem Umsatz (64,6 zu 62,7 Millionen Euro) ist die Grüne Wiese schon vor- beigezogen. Dabei gibt es noch Entwicklungspotential für den Kernbereich.

Zwar stellte die GMA 2009 fest, dass das Einzelhandelsangebot als „überdurchschnittlich“ angesehen werden könne. Aber es gebe auch Defizite: So fehle ein Lebensmittelmarkt mitten in der City. Aber auch die Bereiche junge Mode und Herrenausstattung – am besten als Ergänzung durch bekannte Filialisten.

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